Francia, 33/2 (2006), par Jörg Monar

Laurent Dingli, Robespierre, Paris (Flammarion) 2004, 605 S. (Grandes biographies), ISBN 2-08-068199-0, EUR 25,00.

An der Gestalt des »Unbestechlichen« scheiden sich nun seit über 200 Jahren die Geister, und keine andere Persönlichkeit der Französischen Revolution ist mit einer vergleichbaren Zahl und Vielfalt von Biographien, wissenschaftlichen Einzelbeiträgen, Pamphleten und mehr oder weniger fundiert geführten Polemiken bedacht worden. Mit seinem umfangreichen und auf einer beachtlichen Quellen- und Literaturbasis beruhenden »Robespierre« reiht sich Laurent Dingli, der sich zuvor bereits als Biograph erfolgreich an so unterschiedlichen Sujets wie Jean-Baptiste Colbert, den Sohn des berühmten Ministers Ludwigs XIV., und den Industriellen Louis Renault versucht hat, in die nicht abreißende Reihe von Deutern und Kritikern dieser umstrittenen Gestalt ein.

Was sind die Gründe für diese Attraktivität Robespierre, die hier erneut zu einem ihm gewidmeten Opus von über 600 Seiten geführt hat? Nüchtern betrachtet, ist diese nicht ohne weiteres selbstverständlich: Trotz einiger vielbeachteter und ideologisch bedeutsamer Stellungnahmen zu Schlüsselfragen der Revolution seit der Anfängen, gelangte Robespierre erst während der Wohlfahrtsdiktatur und der Terreur 1793/94 zu wirklicher politischer Macht und unmittelbarer Verantwortung für die Geschicke der jungen Französischen Republik. Doch auch als führendes Mitglied des Wohlfahrtsausschusses blieb er – trotz aller gegen ihn erhobenen Vorwürfe einer persönlichen Diktatur – wesentlich vom politischen Rückhalt unter den Abgeordneten des Konvents und seitens seiner Kollegen im Wohlfahrtsausschuß abhängig. Aus ideologischer Sicht gehörte Robespierre nicht zu den radikalsten Gestalten der Revolution, man denke etwa an Babeuf, Marat oder in gewisser Hinsicht auch Saint-Just, und hinsichtlich des Reformwerkes der Revolution hatten einige seiner politischen Kollegen einen sehr viel nachhaltigeren Einfluß, wie z. B. Emmanuel Joseph Sieyès auf die verfassungtheoretischen Konzepte der Revolutionszeit oder Lazare Carnot hinsichtlich des Aufbaus und der Organisation des revolutionären Massenheeres.

Wenn Robespierre dennoch Historiker, Publizisten und gelegentlich auch noch den einen oder anderen Politiker nicht zu Ruhe kommen läßt, so ist dies daher nur zum Teil auf seine tatsächliche Rolle in diesen Schlüsseljahren der französischen Geschichte zurückzuführen. Zwei andere Faktoren haben dazu beigetragen, daß der »Unbestechliche« als Gestalt eine seine historische Rolle zumindest teilweise transzendierende Bedeutung gewonnen hat, die immer wieder neue Deutungsversuche und Stellungnahmen hervorruft:

Der erste dieser Faktoren ist, daß Robespierre aufgrund der unbeugsamen Vertretung seiner ideologischen Prinzipien, der ideologisch gerechtfertigten und bis zur Vernichtung getriebenen unbarmherzigen Verfolgung des politischen Gegners, der versuchten völligen Verschmelzung von Person und Idee und des letztendlichen Scheiterns an dem unüberbrückbar gewordenen Graben zwischen Utopie und politischer Realität zu einer Symbolfigur für den Typus des sich an der Macht versuchenden und scheiternden radikalen politische Ideologen in der Moderne geworden ist. Wer immer sich mit dem Ausftieg und Verfall revolutionärer Ideoligien und ihrer Träger im 19. und 20. Jahrhundert befaßt, kommt an einer Beschäftigung mit Robespierre als Referenzpunkt einfach nicht vorbei, wobei dessen bis zur Selbstopferung getriebene Identifizierung mit den eigenen politischen Idealvorstellungen eine gewisse Aura der Unbedingtheit hinzufügt, die die einen mit Erschrecken und die anderen mit (zumindest heimlicher) Faszination erfüllt.

Der zweite Faktor ist die Tatsache, daß Persönlichkeit und Ideologie Robespierres durchaus in enger Verbindung mit den machtvollen politischen und sozialen Veränderungen und der kollektiven Werteveränderung und -krise während der Revolutionszeit standen und in erheblichem Maße von diesen getragen wurden. Obwohl der »Unbestechliche« selbst immer wieder gerne das Bild des einsam-heroischen Verteidigers der revolutionären Prinzipien für sich beschwor, war er eben in wesentlichem Maße kein »Einzeltäter«, sondern Protagonist eines weite Teile der Gesellschaft und der neuen politischen Eliten erfassenden Umbruchprozesses und erfuhr als solcher auch zumindest in Teilen der Bevölkerung eine vorübergehende echte Popularität ebenso wie eine beträchtliche Unterstützung unter den neuen politischen Eliten des revolutionären Frankreich. Dies ist in Frankreich später immer mit einem gewissen Unbehagen zur Kenntnis genommen worden, das sich auch teilweise noch in der von François Furet und Denis Richet in den sechziger Jahren entwickelten These von der »Entgleisung« (dérapage) der Revolution während der Wohlfahrtsdiktatur entdecken läßt.

Es ist offenkundig vor allem dieser zweite Faktor, der Laurent Dingli in seiner gehaltvollen Biographie beschäftigt hat. Obwohl sich das Werk aller Aspekte der Lebens und Wirkens von Robespierre annimmt, liegt seine primäre Stärke in einer erhellenden kritischen Analyse und Bewertung der Wechselbeziehung zwischen der Persönlichkeit, den Ideen und dem politischem Handeln des »Unbestechlichen« einerseits und dem der massenpsychologischen Dynamik der Revolution mit ihren spezifischen kollektiven Erwartungen, Ängsten und zerstörerischen Tendenzen andererseits.

Während Robespierre selbst sich immer gern als einsamer Mahner und Kämpfer präsentierte und auch in der Historiographie oft genug als Ausnahmegestalt (mit teilweise psychopathischen Zügen) dargestellt worden ist, macht Dingli deutlich, daß es in vielerlei Hinsicht eine symbiotische Beziehung zwischen der Persönlichkeit des Unbestechlichen und dem revolutionären Umbruch von 1789 gab. So arbeitet Dingli im ersten, der Jugend und dem Aufstieg gewidmeten Teil überzeugend heraus, daß Robespierre aufgrund seiner unglücklichen Kindheit (früher Verlust der Mutter, Verschwinden des Vaters) mit erheblichen Verlassen- heits- und Identitätsängsten zu kämpfen hatte, die in gewisser Weise ähnlichen kollektiven Ängsten in Frankreich am Vorabend der Revolution entsprachen, die durch die offenkundig im Verfall begriffener staatlichen, gesellschaftlichen und religiösen Strukturen bedingt waren. Deutlich wird, daß der von Robespierre seit seinen politischen Anfängen immer wieder beschworene Kontrast zwischen einer sozial und politisch korrumpierten Gegenwart und einer verlorenen idealen Welt, die es durch moralische Erneuerung wiederherzustellen galt, durchaus gängigen Vorstellungen in dem teilweise von stark messianischen Katastrophen- und Heilserwartungen durchdrungenen geistigen Klima am Vorabend der Revolution entsprach.

Die nachfolgenden verschiedenen Phasen der politischen Karriere des »Unbestechlichen« werden umfassend und mit sorgfältigen politischen Kontextanalysen dargestellt, wobei der häufige Rückgriff auf die Originalquellen – der heute bei Biographien rar geworden ist – zur Qualität beiträgt. Dingli argumentiert schlüssig, daß ein wesentlicher Grund für den Aufstieg und den bis zur Massenwirksamkeit reichenden Einfluß Robespierres in der Parallelität zwischen seiner persönlichen und der kollektiver Verunsicherung und der Antworten hierauf zu suchen ist: Mit seinem persönliche Verunsicherungen und Ängste kompensierendem starren Festhalten an der chaotisch-unbefriedigenden Realität entgegengesetzten sozialen und politischen Idealvorstellungen entsprach der »Unbestechliche« entsprechenden kollektiven Verunsicherungen und Bedürfnissen nach kompensatorischen Gewißheiten. Die heute teilweise befremdlich anmutende pathetisch-moralisierende Tugendideologie mit ihrem manichäischen Weltbild konnte daher sowohl dem »Unbestechlichen« persönlichen Halt und Rechtfertigung als auch vielen seiner Mitbürger eine Chaos, Wertezerfall und Zukunftsangst entgegengesetzte Deutung der Ereignisse und des noch zu gehenden Weges bieten. Dasselbe gilt nach Dingli auch für die in der Terreur gipfelnde Gewaltbereitschaft: Den persönlichen Bedrohungs- und Verschwörungsängsten Robespierres, die in der Märtyrer-Rhetorik seiner Reden vor dem Konvent besonders deutlich zum Vorschein kamen, entsprachen durchaus ähnliche kollektive Ängste einer durch den revolutionären Umbruch, den Zerfall der etablierten Werte und den Krieg zutiefst verunsicherten Bevölkerung. Sowohl die persönliche als auch die kollektive Antwort hierauf war eine Eskalation der Gewalt gegen alle, die tatsächlich oder vermeintlich mit dieser Bedrohung in Zusammenhang gebracht werden konnten, dies nicht zuletzt auch – wie sorgfälig herausgearbeitet witrd – mit besonderen Elementen des Fremdenhasses. Vor diesem Hintergrund muß die Terreur nach Dingli denn auch als ein kollektives Phänomen betrachtet werden, das Robespierre zwar ideologisch verschärfte und gegen bestimmte Gruppen politischer Gegner kanalisierte – und insoweit auch dafür die Verantwortung trug -, das ihn zugleich aber auch gefühlsmäßig und intellektuell voll selbst einbezog und erfaßte.

Ein interessantes, wenn auch etwas abstrakteres Argument Dinglis in diesem Zusammenhang ist, daß Robespierre mit seinem »Kult der Märtyrer« der Revolution und seinem später zunehmend in Bezug auf sich selbst beschworenen Opfertod für die Tugenden und Prinzipien der revolutionären Republik eine persönliche und kollektive Antwort auf eine Ende des 18. Jhs. durch den Zerfall des dem Tod vormals einen Sinn verleihenden religiösen Werterahmens zu geben. So habe die Dechristianisierung vor und während der Revolution den Einzelnen in einer zuvor unerhörten Weise mit seiner Endlichkeit konfrontiert und eine neue Angst vor einem Tod ohne Sinn und Weiterleben im Jenseits erzeugt. Der revolutionäre »Kult des Höchsten Wesens« und das ewige Weiterleben der revolutionären Mär- tyer in der kollektiven Erinnerung der Republik erscheint vor diesem Hintergrund als ein Versuch, diese so erschreckende Leere durch ein neues Wertesystem und die Idee eines »sinnvollen« Todes zu füllen.

Obwohl aber Robespierre fraglos »seinen« Tod im Sinne eines vor allem auch durch die eigene Realitätsverweigerung und Kompromißunfähigkeit hervorgerufenen Endes erreicht hat, ist dies nach Dingli dennoch nicht der von ihm propagierte und wohl auch persönlich angestrebte belle mort gewesen. Schließlich triumphierten am Ende doch die »Korrumpierten« und wurde er selbst unter den Hochrufen der Masse auf die Nation am 10. Thermidor als ein Verräter an der Republik hingerichtet. Zu Recht verweist Dingli auch darauf, daß zwar Robespierres Ziel, den Ärmsten und Entrechteten des Landes eine politische Stimme zu verleihen, 1792 bis 1794 teilweise erreicht wurde, daß aber die Maßnahmen zur Verbesserung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation weitgehend wirkungslos und in jedem Fall weit hinter dem ideologischen Anspruch zurückblieben. Obsediert von den großen Prinzipien und gänzlich davon beansprucht, diese gegen tatsächliche und imaginäre Feinde zu verteidigen, ist es Robespierre nicht gelungen, in diesem zentralen Aspekt seiner Ideologie den Gra¬ ben zwischen utopischem Anspruch und praktischer Umsetzung zu überwinden.

Der Band ist chronologisch aufgebaut, mit sechs Teilen, die von der Jugend und den Anfängen der politischen Karriere in Arras bis zur in den 9. Thermidor mündenden Krise der Terreur die verschiedenen Abschnitte von Robespierre Leben und Wirken behandeln. Die letztlich immer etwas artifizelle Untergliederung eines kontinuierlich »gelebten« Lebens hat immer ihre Tücken, und auch Dingli kann diesen nicht gänzlich entgehen. So fragt man sich beispeilsweise, warum wesentliche Aspekte des Privatlebens Robespierres und seiner Einstellung zu Frauen, die teilweise mehrere Jahre zurückgehen, erst im letzten, in der Thermidorkrise gipfelnden Teil des Bandes behandelt werden. Insgesamt aber ist die chronologische Struktur überzeugend und wird durch eine gelungene Untergliederung in thematisch orientierte Kapitel und Unterkapitel aufgelockert und bereichert.

Man könnte sich in einigen Teilen der Biographie etwas mehr Analyse des politischen Kontextes des Handelns Robespierres, so etwa zur komplexen und fragilen Dynamik des Machtdreiecks von Konvent, Wohlfahrtsausschuß und Jakobinerklub wünschen. Gelegentlich greift Dingli auch etwas überreichlich auf direkte Zitate aus den Reden zurück. Insgesamt aber handelt es sich um ein sehr gehaltvolles Werk, das vor allem das Verdienst hat, Robespierre als Zugleich Treibenden und Getriebenen des gewaltigen kollektiven Umbruchs der Revolution Verständlich zu machen,, und dem Titel der Reihe “Grandes Biographies” des Verlages Flammarion durchaus Ehre macht.

Jörg Monar, Straßburg

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